In jeder Etage wohnt eine Generation

Meine Großeltern – PASCH-Initiative

In jeder Etage wohnt eine Generation
B1 © Freepik / Alexsutula

In Deutschland ist jeder Fünfte über 65 Jahre alt. Was aber macht die Generation 65+ heute aus? Und wie stehen Seniorinnen und Senioren zu jungen Menschen? Wir stellen euch die Großeltern von Linda, Severin und Mari vor.

1/4 Meine Großeltern

Lindas Oma Christine wohnt in ihrer eigenen Wohnung mitten in der Stadt und liebt Reisen und Fahrradfahren. Maris Oma Martha teilt sich ihren Bungalow auf dem Land mit einer jungen Frau und trifft sich regelmäßig mit Freunden und Familie. Severin hat eine Leihoma und einen Leihopa.

Die beiden leben am Stadtrand mit jungen und alten Menschen in einer Mehrgenerationensiedlung zusammen. Sie alle gehören zur Generation 65+, den Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren. Die Generation 65+ nimmt ihr Leben heute selbst in die Hand und genießt es, sich mit der jungen Generation auszutauschen.

Den Jüngeren geht es genauso.

Die Generation 65+ in Deutschland

Zur Generation 65+ gehören in Deutschland die Menschen, die 65 Jahre oder älter sind. Ende 2013 zählte etwa jeder Fünfte in Deutschland zur Generation 65+. Im Jahr 2060 wird dies sogar schon jeder Dritte sein.

Studien zeigen, dass die älteren Menschen in Deutschland heute viel aktiver sind als früher.

Immer mehr gehen nach Renteneintritt zum Beispiel noch arbeiten oder engagieren sich in gesellschaftlichen Bereichen. Die heutige Generation 65+ treibt regelmäßig Sport, ist häufig unterwegs und pflegt den Kontakt zu Freunden.

Ihre Familien unterstützen Seniorinnen und Senioren durchschnittlich 15 Stunden pro Woche – zum Beispiel im Haushalt oder bei der Betreuung der Enkelkinder.

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Insgesamt sind ältere Menschen in Deutschland heute mit ihrem Leben sehr zufrieden, einsam fühlen sich nur wenige.

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Das liegt auch an der Wohnsituation, denn die Mehrheit der Seniorinnen und Senioren wohnt mit dem Ehe- oder einem Lebenspartner zusammen.

Für andere Wohnformen, zum Beispiel für das Zusammenleben mit anderen Menschen in einem Mehrgenerationenhaus oder einer Senioren-WG, entscheiden sich heute auch einige der ältere Menschen. Allein lebt rund ein Drittel der heutigen Generation 65+.

In Deutschland ist jeder Fünfte über 65 Jahre alt. Was aber macht die Generation 65+ heute aus? Und wie stehen Seniorinnen und Senioren zu jungen Menschen? Wir stellen euch die Großeltern von Linda, Severin und Mari vor.

2/4 Severin (8) und seine Leihgroßeltern (beide 74)

Der achtjährige Severin hat mehrere Omas und Opas, denn neben seinen leiblichen Großeltern hat er auch eine Leihoma und einen Leihopa. Leihgroßeltern sind Seniorinnen und Senioren, die mit Kindern anderer Familien Zeit verbringen – wie richtige Großeltern, nur, dass die Leihgroßeltern nicht mit den Kindern verwandt sind.

Weil Severins leibliche Omas und Opas weit weg wohnen und Severins Eltern berufstätig sind, passen die Leihgroßeltern regelmäßig auf ihn auf. „Sie sind sehr nett. Und es ist sehr gemütlich mit ihnen“, erzählt er.

Seine Leihoma Gudrun (74) hat vier Kinder und fünf leibliche Enkelkinder. Sein Leihopa Baldur (74) ist der zweite Ehemann der Leihoma.

Severins Leihgroßeltern mögen Kinder sehr gerne. Weil ihre eigenen Enkelkinder nun aber schon bald erwachsen sind, wünschten sie sich, noch einmal jüngere Kinder um sich herum zu haben. „Ich mag Kinder sehr gerne und habe ja auch die Zeit und den Platz dazu“, sagt Gudrun. In der Zeitung fand sie eine Anzeige, in der Leihgroßeltern und Leihenkelkinder gesucht wurden.

„Liebevoll ausgesuchte Omas und Opas“, versprach die Vermittlerin Ute Krusch, die selbst vier Enkelkinder hat und weiß, wie schön es ist, Oma zu sein. Auch für Severins Leihgroßeltern ist es eine erfüllende Aufgabe. Deshalb ließen sie sich einen Enkel vermitteln. Severin ist nun seit ein paar Monaten ihr Leihenkel.

„Er war hier nie fremd und hat sich gleich gut mit uns verstanden. Und wir haben ihn umgekehrt auch gleich lieb gewonnen“, erzählt Gudrun.

Severin geht jeden Tag nach der Schule für ein paar Stunden zu seinen Leihgroßeltern. Sein Vater holt ihn dann nach der Arbeit ab. Severin hat Spaß bei seinen Leihgroßeltern. Mit seinem Leihopa übt er manchmal Schach spielen. „Das kann er schon richtig gut“, sagt Baldur stolz.

Severins Leihgroßeltern leben in einem Haus am Rande der Stadt Köln. Das Haus ist Teil einer Mehrgenerationensiedlung, in der junge und alte Menschen zusammenleben. In rund zehn Häusern leben hier Seniorinnen, Senioren und Familien mit Kindern. Alle teilen sich einen Garten und einen hübsch bepflanzten Innenhof.

Die Nachbarn haben ein freundschaftliches Verhältnis zueinander, die Kinder spielen zusammen im Innenhof oder im Garten. „Hier spielt sich das ganze Dorfleben ab. Einmal im Jahr gibt es auch ein Hoffest“, erzählt Severins Leihopa Baldur.

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Wenn die Sonne scheint, ist Severin am liebsten mit den Leihgroßeltern oder den Nachbarskindern draußen im Garten.

[/attention]Wie würdest du deine Leihoma beschreiben?Was brachte Sie auf die Idee, Leihoma zu werden?Wie würden Sie Ihren Leihenkel Severin beschreiben?Wie ist das Zusammenleben in der Siedlung?

In Deutschland ist jeder Fünfte über 65 Jahre alt. Was aber macht die Generation 65+ heute aus? Und wie stehen Seniorinnen und Senioren zu jungen Menschen? Wir stellen euch die Großeltern von Linda, Severin und Mari vor.

3/4 Mari (30) und ihre Oma Martha (89)

Maris Oma Martha ist 89 Jahre alt. Trotz ihres Alters ist sie jung geblieben. Sie ist adrett und aufgeweckt, trifft sich mit regelmäßig mit Freunden oder der Familie und interessiert sich für aktuelle Themen – vor allem, wenn junge Leute etwas aus ihrem Leben erzählen.

„Ich interessiere mich immer für das Hier und Jetzt“, sagt Maris Oma. Sie lebt in einer ländlichen Gegend, in einem modernen Bungalow. Maris Großeltern waren über 60 Jahre lang verheiratet und feierten sogar „ diamantene Hochzeit“. Vor einem Jahr ist Maris Opa gestorben.

„Trotz Alter und Alleinsein, fühle ich mich aber nicht einsam“, sagt Maris Oma. Denn sie hat drei Kinder, fünf Enkel und fünf Urenkel, da gibt es häufiger Anlässe für gemeinsame Familienfeiern. Obwohl sie eine Stunde entfernt in der Stadt wohnt, sieht auch Mari ihre Oma regelmäßig.

Neuerdings hat sich Maris Oma eine junge Mitbewohnerin gesucht. Zum einen fühlt sie sich so sicherer und weniger allein. Zum anderen schätzt sie den Kontakt zu jungen Menschen. Die junge Frau, die eine Ausbildung macht, wohnt im Souterrain. Beide teilen sich einen Hauseingang und plaudern ab und zu miteinander.

Aber sie lassen einander auch genügend Freiraum, jeder hat seinen eigenen Wohnbereich. „Sie darf natürlich auch Freunde einladen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn etwas mehr Leben im Haus ist“, sagt Maris Oma.

Maris Oma blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Als junge Frau erlebte sie Krieg, Verfolgung und Flucht. Das Kriegsende war für sie der Auruch in eine bessere Welt: Sie arbeitete als Lehrerin an einer Grundschule und gründete eine Familie. „Meine Oma ist eine starke Frau. Sie sucht sich immer ihren Weg. Auch heute.

Dass sie sich eine Mitbewohnerin gesucht hat, um sich wohler zu fühlen, ist ein gutes Beispiel dafür“, sagt die 30-jährige Mari. Sie beschreibt ihre Oma als warme, herzliche Frau. Die beiden haben ein sehr enges Verhältnis zueinander. „Wir haben auch einen ähnlichen Literaturgeschmack“, erzählt Mari.

Sie schenken sich gegenseitig Bücher und sind gespannt, ob es der jeweils anderen auch gefällt. Maris Oma freut sich, wenn ihr dabei ein Treffer gelingt. „Das ist für mich, bei unserem riesigen Altersabstand, eine dankbare Bestätigung.“ Und auch sonst können Mari und ihre Oma über alles Mögliche reden.

„Sie ist sehr interessiert an meinem Leben und ich interessiere mich auch für sie“, sagt Mari.

Wie würdest du deine Oma beschreiben?Was für ein Verhältnis habt ihr zueinander?Wie würden Sie Ihre Wohnsituation beschreiben?Was verbindet Sie mit ihrer Enkelin?

In Deutschland ist jeder Fünfte über 65 Jahre alt. Was aber macht die Generation 65+ heute aus? Und wie stehen Seniorinnen und Senioren zu jungen Menschen? Wir stellen euch die Großeltern von Linda, Severin und Mari vor.

4/4 Linda (15) und ihre Oma Christine (74)

Lindas Oma Christine (74) lebt in einer Wohnung in der Stadt Köln, ganz in der Nähe ihrer Enkelkinder. Die 15-jährige Linda sieht ihre Oma fast täglich und isst bei ihr zu Mittag, weil die Eltern dann noch bei der Arbeit sind und sie gern mit ihrer Oma zusammen ist. „Sie ist so offen und ich kann mit ihr über alles reden“, sagt Linda.

Auch ihre Oma freut sich über das gute Verhältnis zu ihrer Enkelin: „Linda ist sehr feinfühlend und liebevoll. Ich kann mir keine bessere Enkelin vorstellen.“ Als Linda noch klein war, wohnte ihre Oma noch eine Stunde entfernt von Köln in einem Haus in einer Kleinstadt.

Nachdem Lindas Opa gestorben ist, war das Haus zu groß für Christine und so zog sie in eine Erdgeschoss-Wohnung im Stadtzentrum. Von dort aus kann sie alles schnell zu Fuß erreichen und ist näher bei der Familie. Sie und ihre Enkelinnen und Enkel sehen sich oft, kochen und essen gemeinsam oder unternehmen etwas Schönes.

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Wenn Lindas Familie zu Abend isst, kommt ihre Oma auch oft dazu. Lindas Oma ist sportlich und lebensfroh. Sie reist gerne in andere Länder. Auch mit ihren Enkelkindern fährt sie ab und zu in den Urlaub. „Wir waren schon in Xanten, auf Sylt oder auf Mallorca“, erzählt Linda.

[/attention]Lindas Oma macht zusammen mit ihren Enkelkindern auch gerne Fahrradtouren.

Sie genießt die Zeit mit ihnen sehr. „Aber sie sollen auch ihre eigenen Wege gehen. Die Freunde gehen vor“, sagt sie lächelnd und zufrieden. Lindas Freundinnen kommen auch manchmal zu Besuch. „Die hab ich auch alle gern“, sagt Lindas Oma.

Wie würdest du deine Oma beschreiben?Was unternimmst du mit deiner Oma?Was magst du an deiner Oma?Wie würden Sie Ihre Enkelin beschreiben?

ausmachen: hier: was für die Generation 65+ typisch ist

ausmachen: hier: was für die Generation 65+ typisch ist

verwandt: zur gleichen Familie gehören, voneinander abstammen

leiblich: eine Person stammt von einer anderen Person ab

berufstätig: einen Beruf haben, arbeiten gehen

die Vermittlerin / der Vermittler, die Vermittlerinnen / die Vermittler: eine Person, die Menschen, die etwas Bestimmtes anbieten, mit Menschen zusammenbringt, die genau das Bestimmte suchen.

erfüllend: hier: die Aufgabe macht den Leihgroßeltern Spaß und füllt sie aus

das Schach, die Schachs: ein Spiel für zwei Personen mit je sechzehn schwarzen und weißen Figuren, die man abwechselnd setzen muss

das freundschaftliche Verhältnis, die freundschaftlichen Verhältnisse: Die Nachbarn behandeln sich wie gute Freunde

adrett: gepflegt, gut gekleidet, einen sauberen und ordentlichen Eindruck machen

aufgeweckt: hier: Maris Oma ist geistig noch fit

Hier und Jetzt: die Gegenwart

die diamantene Hochzeit: der 60. Jahrestag einer Hochzeit, den man in Deutschland feiert

der Anlass, die Anlässe: hier: es gibt häufiger einen Grund zu feiern

die Mitbewohnerin / der Mitbewohner, die Mitbewohnerinnen / die Mitbewohner: eine Person, die gemeinsam mit einer oder mehreren Personen in einer Wohnung lebt

etwas oder jemanden schätzen: etwas oder jemanden sehr mögen, von etwas oder jemandem viel halten

das Souterrain / die Souterrains: der Keller

plaudern: sich unterhalten

der Freiraum, die Freiräume: hier: sich auch mal aus dem Weg gehen, jeder verbringt auch mal Zeit für sich allein

das bewegte Leben, die bewegte Leben: hier: Im Leben von Maris Oma ist viel passiert, Maris Oma hat in ihrem Leben viel erlebt

die Flucht, die Fluchten: das Verlassen eines bestimmten Ortes oder Landes, zum Beispiel weil es dort Krieg gibt

der Auruch, die Aurüche: hier: der Anfang, der Start

warm: hier: herzlich, freundlich

der Treffer, die Treffer: hier: großer Erfolg: der Erfolg, wenn Mari das Buch, das ihre Oma ihr geschenkt hat, auch mag

der Bungalow, die Bungalows: ein Wohnhaus mit nur einer Etage und einem flachen Dach

die Leihoma / der Leihopa, die Leihomas / die Leihopas: Seniorinnen und Senioren, die – häufig gegen Bezahlung – mit Kindern anderer Familien Zeit verbringen

die Leihoma / der Leihopa, die Leihomas / die Leihopas: Seniorinnen und Senioren, die – häufig gegen Bezahlung – mit Kindern anderer Familien Zeit verbringen

die Mehrgenerationensiedlung: eine Siedlung, in der junge und alte Menschen, die in der Regel nicht miteinander verwandt sind, zusammenleben

der Renteneintritt: der Zeitpunkt, an dem man in Deutschland aufhört zu arbeiten und die Rente bekommt (in der Regel mit 67 Jahren)

engagieren: sich für etwas einsetzen

den Kontakt zu jemandem pflegen: hier: Seniorinnen und Senioren in Deutschland treffen sich regelmäßig mit Freunden, weil ihnen der Kontakt zu Freunden sehr wichtig ist

die Senioren-WG, die Senioren-WGs: mehrere ältere Menschen, die meist nicht miteinander verwandt sind, leben zusammen in einer Wohnung

Источник: https://www.pasch-net.de/de/lernmaterial/stadt-leben/meine-grosseltern.html

Eine Etage für jede Generation

In jeder Etage wohnt eine Generation

Mit Regina Arbasowsky leben ihr Vater, ihre Tochter und ihre Enkelinnen im gleichen Haus. Sie genießen ein besonderes Glück.
Von Petra Schoplocher

Von Petra Schoplocher 20. September 2015 12:30 Uhr

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Besondere Momente: Vier Generationen genießen die Zeit miteinander. Regina Arbasowsky, ihr Vater Rolf Breitkreuz und ihre Tochter Alexandra Arbasowsky mit Lea, Mia und Robert Lackerschmid Foto: Schoplocher

Tiefenbach.81 Jahre liegen zwischen Lea und ihrem Urgroßvater Rolf. 81 Jahre, aber nur ein Stockwerk. Denn zusammen mit ihrer Mama Alexandra und ihrer achtjährigen Schwester Mia wohnt die kleine Tiefenbacherin im gleichen Haus wie der 85-jährige Senior der Familie. In der Etage zwischen ihnen lebt noch Tochter Regina Arbasowsky, der das Vier-Generationen-Haus gehört.

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Der erklärte Lieblingsplatz: Mia (links) und ihre Schwester Lea Foto: Schoplocher

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Weitere Artikel aus diesem Ressort finden Sie unter Gemeinden.

Источник: https://www.mittelbayerische.de/region/cham/gemeinden/tiefenbach/eine-etage-fuer-jede-generation-21017-art1284182.html

Generationen-Serie – Wenn Urgrosi mit ihrer Urenkelin unter einem Dach wohnt

In jeder Etage wohnt eine Generation

Drei rote Schaufeln scheppern über den Stallboden. Mit routinierten Griffen schiebt Roger Béguelin (35) den Kühen das Heu unter ihre kauenden Mäuler, rennt die Treppe hoch, lässt Nachschub durch eine Luke in den Stall platschen.

Zügig wirbeln auch die zwei kleineren Schaufeln von Clara (3 1⁄2) und Remy (2) durch die getrockneten Gräser. Als sie ineinander putschen und Remy auf dem Hosenboden landet, lacht im Dunkeln des Stalls Grossvater René.

Er kennt die Szenerie seit langer Zeit: Vor dreissig Jahren waren es seine Kindern, die mit ihm auf dem Hof Bilstein handierten.

Heute leben hier vier Generationen unter einem Dach. Dafür hat die Grossfamilie Béguelin ihr Zuhause vor einem Jahr komplett umbauen lassen. Das vierstöckige Gebäude ist auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten: Zuunterst, in einem Studio wohnt das älteste Familienmitglied, Urgrossmutter Marie.

Drei Mal pro Tag steigt die 89-Jährige die Treppe hoch in die Wohnung von Sohn René und Schwiegertochter Dora: Zmorge, Zmittag, Znacht essen sie gemeinsam. Eine Etage höher versammeln sich die beiden jüngeren Generationen an ihrem Küchentisch: Lucie und Roger mit den drei Kindern.

Sie bewohnen die beiden obersten Stockwerke.

Getrennte Wohnungen

Der Ausblick ist imposant: Der Bauernhof thront hoch über dem Dorf Beinwil im Kanton Solothurn. Zwischen steilen Jurahängen eingeklemmt, zählt der Ort an der Strecke zum Passwang rund 300 Einwohner.

Der Kindergarten ist aufgehoben, die 14 Primarschüler besuchen die noch einzige Gesamtschule des Kantons. Das Dorf sei überaltert, die Jungen zögen weg, sagt der 64-jährige René. Anders auf dem Hof Bilstein. Der jüngste Bewohner, Yann, ist erst gerade sieben Wochen alt.

Während er in einer Babyschale schlummert, rüstet seine Mutter Lucie (31) den Salat für das Mittagessen. Ein Stock tiefer steht ihre Schwiegermutter Dora (65) ebenfalls in der Küche. Lucie Béguelin sagt: «Das war eine der Bedingungen.

Leben wir alle unter einem Dach, müssen die Wohnungen getrennt sein.» Das sei mit ein Grund, weshalb das Zusammenleben der vier Generationen in ein und demselben Haus nun gut funktioniere.

Vor dem Umbau lebte das jüngere Paar in einer Wohnung im Dorf. Tagtäglich steuerte Roger Béguelin sein Auto die schmale Strasse zum Hof seiner Eltern hoch.

Als sein Vater ihm die Betriebsleitung übergab, tauchten Fragen zur Wohnform auf: Wer bleibt, wer zieht weg vom Hof? Der Betriebsleiter sollte vor Ort sein, sagt der 35-jährige Landwirt.

Doch wohin gehen dann die Eltern, die vierzig Jahre den Bauernhof führten? «Vater braucht etwas zu werkeln, Mutter wäre aber den ganzen Tag hindurch in einer Wohnung alleine gewesen. Und meine 89-jährige Grossmutter würde durch einen Wegzug regelrecht entwurzelt.» Diese Vorstellungen behagten Roger Béguelin nicht.

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Seine Frau Lucie stand der Idee eines Mehrgenerationenhauses von Anfang offen gegenüber. Bedenken hatten nur seine Eltern. Auf dem abgelegenen Hof ist ein Auto unabdingbar. Was, wenn sie nicht mehr fahren können? Lucie Béguelin erinnert sich: «Vor allem meine Schwiegermutter sorgte sich, dass sie uns eines Tages zur Last fallen könnte.»

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Nach dem ersten gemeinsamen Jahr auf Hof Bilstein fällt die Bilanz jedoch positiv aus. Die räumliche Aufteilung und die Abmachungen im Vorfeld weckten keine falschen Erwartungen. Vieles hat sich dennoch erst im Alltag ergeben.

Spontan beaufsichtigte Marie ihre Urenkel wiederholt im Sommer. Sie, die es stets nach draussen zieht, spazierte mit Clara und Remy ums Haus, wenn die Eltern auf dem Hof oder im Garten eingespannt waren. Bis heute erscheint die 89-Jährige zudem pünktlich um 16.

30 Uhr im Stall, greift zum Besen und beginnt zu wischen. Halten die Kleinkinder die Mutter auf Trab, übernimmt deren Schwiegermutter spontan die Stallwäsche. Im Gegenzug fährt Lucie sie ab und zu zum Arzt.

Und: Könnte sich Roger Béguelin die Arbeit nicht mit seinem Vater teilen, «ginge es schlicht nicht», sagt er. Er müsste einen Arbeiter einstellen.

Trotzdem, auch die beste Planung kann innert Kürze von Emotionen untergraben werden. Wie hat es Familie Béguelin im Alltag geschafft, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden? Die 65-jährige Dora sagt: «Jeder muss rücksichtsvoll sein. Den eigenen Kopf durchzusetzen, funktioniert nicht.» Zentral sei es zudem, die Jüngeren «einfach machen zu lassen», ergänzt ihr Mann René.

Er kenne diverse Landwirtschaftsbetriebe, bei denen die Übergabe des Hofes desaströs endete. Der Grund sei stets derselbe gewesen: «Väter, die ihren Söhnen permanent dreinreden und ihre Abläufe weiterhin durchstieren wollen», sagt der 64-Jährige Landwirt. Nicht selten hätten die Nachfolger dem Betrieb jeweils den Rücken zugedreht.

Ganze Lebenswerke zerschellten am Zwischenmenschlichen, Familienbanden brachen.

Die Menschen werden immer älter – und das ist doch eigentlich grossartig. In der Politik aber wird die steigende Lebenserwartung fast nur problematisiert; die gescheiterte Altersreform war Ausdruck davon.

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Die «Nordwestschweiz» setzt sich in der Neujahrswoche mit den vielschichten Folgen der alternden Gesellschaft auseinander. Heute geht es um eine seltene Wohnform: das Leben in Mehrgenerationenhaushalte.

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Bereits erschienen:

– Mittwoch: Das grosse Geschäft mit den Senioren

Die nächsten Folgen:

– Freitag: Warum die Silberfüchse nimmermüde sind.

– Samstag: Welche Chancen die Politik nutzen sollte.

Wie zu Gotthelfs Zeiten

Durch die demografische Entwicklung ändern sich die Familienkonstellationen. Mit der steigenden Lebenserwartung nehmen auch jene Fotos zu, auf denen Urgrosseltern ihre Urenkel in die Kamera halten. Dass sie mit ihnen zusammenleben, dürfte indes äusserst selten sein.

Wie viele Vier-Generationen-Haushalte existieren, ist nicht bekannt. Die Strukturerhebung des Bundes von 2015 zeigt jedoch, dass in knapp 38'000 Haushalte Familien mit Angehörigen aus mindestens drei Generationen leben. Das ist etwa ein Prozent aller Schweizer Privathaushalte.

Zudem hat eine Umfrage des Bundesamtes für Statistik gezeigt: Die Mehrheit der erwachsenen «Kinder» lehnt es ab, ihre Eltern bei sich aufzunehmen, wenn diese nicht mehr alleine leben können. Das befürworten lediglich ein Drittel der Männer; bei den Frauen ist es mit einem Viertel noch weniger.

Dies dürfte damit zusammenhängen, dass Frauen tendenziell stärker durch die Pflege von betagten Angehörigen eingebunden sind.

Das seltene Wohnmodell findet sich bei Familie Schenk im tief verschneiten Emmental. Wer von der Gemeinde Röthenbach über Wiesen und durch den Wald zu ihrem Hof hochfährt, sieht auf den ersten Blick, dass hier mehrere Generationen leben.

Eine Holztafel verweist auf die Geburt von Tochter Livia (4 Monate), ein paar Meter weiter ist ein Rollator vor der Eingangstür parkiert. Der pensionierte Landwirt Hans Schenk (67) öffnet die Tür. Wir betreten einen Haushalt, der von vier Generationen gleichermassen geprägt wird.

Der Alltag der Einzelnen ist dadurch noch enger verflochten als bei der Familie Béguelin im Kanton Solothurn. Gleich neben dem Wohnzimmer hat Urgrossmutter Johanna (91) ihren Raum.

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Ein Stockwerk höher nächtigt ihr Sohn Hans mit seiner Frau Helen (55) und im Erdgeschoss lebt wiederum deren Sohn Ueli (30) mit seiner Frau Christine (30) und Tochter Livia.

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Das Wohnzimmer mit dem grünen Kachelofen ist der Mittelpunkt des Hauses. Hier, am grossen Tisch, kommt die ganze Familie zum Mittag- und Abendessen zusammen. Meistens kocht Helen; seitdem ihr Mann Hans pensioniert ist, tischt auch er manchmal etwas auf.

Was bei grösseren Wohngemeinschaften am Kühlschrank hängt, fehlt bei Schenks: der Ämtliplan. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten bespricht die Familie, welche Arbeiten anstehen.

Während der pensionierte Landwirt Hans seinem Sohn zur Hand geht, kümmern sich die beiden Bäuerinnen Helen und Christine um das «Sahlenweidli». Der Familie Schenk gehört jenes Haus aus dem 17. Jahrhundert, in dem die SRF-Dokusoap «Leben wie zu Gotthelfs Zeiten» gedreht wurde.

Heute können Gäste im Sahlenweidli in die Vergangenheit reisen: Gekocht wird über dem Feuer, das Plumpsklo liegt über der Jauchegrube und Wasser plätschert nur draussen in den Brunnen.

In diesem historischen Haus hatte der heute 67-jährige Hans Schenk einen Teil seiner Kindheit verbracht. Erst als er sechs Jahre alt war, zog die Familie auf einen nahegelegenen Hof mit fliessend Wasser und Strom.

Neben der Vermietung des Gotthelfhauses ist dieser Biobauernhof mit 150 Schafen und Lämmern die Haupteinkommensquelle der Familie. Zusätzlich arbeitet der 30-jährige Ueli noch drei Tage pro Woche als Automechaniker. Seine Frau Christine sagt: «Mein Mann und ich könnten die Arbeit in Spitzenzeiten nicht bewältigen, würden die Schwiegereltern nicht mithelfen.»

Skeptische Freundinnen

Auch Christine ist auf einem Bauernhof aufgewachsen – in einem Haushalt mit vier Generationen. Als sie mit ihrem Mann bei dessen Eltern eingezogen ist, hätten einige ihrer Freundinnen die Nase gerümpft, sagt Christine. Sie zeigt sich davon unbeeindruckt: «Sie stammen halt nicht aus einer Bauernfamilie – oder haben ein schlechtes Verhältnis zur Schwiegermutter.»

Ganz aus freien Stücken ist die Wohnform allerdings nicht gewählt. Mit dem Eintritt in die berufliche Selbstständigkeit haben Ueli und Christine den Betrieb umgestellt: Statt Kühe stehen seit drei Jahren Schafe im Stall.

Die notwendigen Umbauarbeiten verschlangen die finanziellen Polster. Ein zweites Wohnhaus zu bauen, war aus finanziellen Gründen schlicht nicht möglich. «Wir suchen Lösungen innerhalb des Hauses», sagt Ueli.

Die Zimmer der einzelnen würden als Rückzugsorte respektiert.

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Mit der Geburt von Livia ist der Platz aber noch enger worden. Dennoch sei es nie zur Frage gestanden, die 91-jährige Urgrossmutter in einem Altersheim anzumelden.

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Deshalb sitzt «s’Grosi», wie sie auch nach der Geburt ihrer Urenkelin von allen genannt wird, heute noch am grossen Tisch und erzählt von längst vergangenen Tagen.

Von früher – als sie noch wie zu Gotthelfs Zeiten im Sahlenweidli lebte.

Источник: https://www.aargauerzeitung.ch/leben/leben/wenn-urgrosi-mit-ihrer-urenkelin-unter-einem-dach-wohnt-132054020

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